Europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte

 

Das Lehr- und Forschungsgebiet Europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte widmet sich der Kulturgeschichte deutschsprachiger Juden in Europa von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Neben der literarischen Produktion – zu der die Werke so berühmter Autoren wie Heinrich Heine und Franz Kafka zählen – gilt ein besonderes Augenmerk der Arbeit jüdischer Wissenschaftler – wie etwa Sigmund Freud oder Walter Benjamin –, deren Wirken großen Einfluss auf die Welt unserer Gegenwart ausgeübt hat. Ihre Schriften werden stets im historischen Kontext der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft betrachtet, die die meist entscheidenden Bedingungen ihrer Entstehung gesetzt hat. Im Studium der Werke jüdischer Autoren deutscher Sprache wird deutlich, dass es zwar oft besonderer Fragen und Perspektiven bedarf, um ihre Entstehung, ihren Gehalt und ihre Wirkung zu verstehen – doch dass sie zugleich keineswegs eine ‚Unterabteilung‘, sondern einen integralen Bestandteil der deutschsprachigen Literatur als einer europäischen Literatur bilden.

 

Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets

Universitätsprofessor Dr. Stephan Braese

 

Mitarbeiter

Dr. Hans Kruschwitz

Tom Vanassche, M.A.

Dr. Christine Waldschmidt

 

Sekretariat

Tanja Daniels

 

Forschungsprojekte

Deutschsprachig-jüdische Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart –
Neue Forschungszugänge in Paradigmen

In Kooperation mit Prof. Dr. Alfred Bodenheimer, Universität Basel, und Prof. Dr. Primus-Heinz Kucher, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Das Projekt zielt auf eine grundlegende und systematische Aufarbeitung und Darstellung deutschsprachig-jüdischer Literatur seit der Aufklärung, aufbauend auf einem kulturwissenschaftlichen Textverständnis, erweitert um Ansätze aus der Rezeptionsästhetik, der Semiotik, der Raum- und Medientheorie sowie der Wissenschaftsgeschichte. Traditionelle Ordnungskriterien wie Nation, Identität, Kultur und Religion werden ebenso wie Bemühungen um Einheit, Kanonisierung, um binäre Unterscheidbarkeit in jüdische und nichtjüdische Kultur und Literatur zurückgestellt zugunsten offenerer Zugänge in Paradigmen. Diese Paradigmen begegnen den üblichen Master-Narrativen mit forschungsorientierter Reflexion und Exemplarität, mit einem Wechsel in der Darstellungsperspektive, um verborgene Zusammenhänge aufzuspüren und synchron wie diachron Vergleiche und Querschnitte zu ermöglichen. Festschreibungen und Vereinnahmungen lassen sich auf diese Weise eher umgehen, und der polyphone und interkulturelle Raum der deutsch-jüdischen Literatur kann profilierter, auch akzentuierter in den Mittelpunkt rücken, wobei die Leser ebenfalls als Faktoren im Kontext literarischer Produktion und kultureller Debatten zu Wort kommen. Ansätze und Anregungen in diese Richtung liegen etwa im „Yale Companion to Jewish Writing and Thought in German Culture“ oder in Dan Diners „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ vor. Indem diese historisch breiter angelegt sind, können sie jedoch thematisch-motivgeschichtliche Vertiefungen kaum vornehmen. Diesem Umstand trägt die Paradigmen-Struktur des Projekts, dessen Ergebnisse in sechs Handbücher einfließen soll, Rechnung; Paradigmen, die einerseits eine Anbindung an grundsätzliche, zeitlich übergreifende Frage- und Problemstellungen ermöglichen, andererseits exemplarische und kontroversielle Positionen miteinbeziehende Vertiefungen vorsehen. Diese Paradigmen korrespondieren auch den Forschungsexpertisen an den teilnehmenden Universitäten und deren jeweiligen Projektleitern: Tradition und Glauben sowie Geschichtsdenken (Schwerpunkt Universität Basel), Sprachkulturen sowie Wissen und Lernen (Schwerpunkt RWTH Aachen); Räume und Landschaften bzw. Wechselbeziehungen (Schwerpunkt Universität Klagenfurt/Centrum für Jüdische Studien, Universität Graz).
• Gefördert als D-A-CH-Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Cool. Jazz als Gegenkultur im Nachkriegsdeutschland

Das Projekt zielt darauf ab, das spezifisch oppositionelle, antagonistische, widerstreitende Potential eines sozialen und habituellen Milieus und seiner Äußerungsformen insbesondere in Literatur und Medien zu bestimmen, das von der (Wieder-)Einführung afroamerikanischer Musikkultur in das deutschsprachige Mitteleuropa durch die US-Besatzungstruppen unmittelbar nach der militärischen Niederschlagung NS-Deutschlands seinen Ausgang genommen hat. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, auf welche Weise afroamerikanische Musikkultur in ihren spezifischen ästhetischen Ausformungen der Jahre 1945 bis ca. 1965 und während der ersten Nachkriegsjahre als Projektionsfläche für soziale und psychologische Bedürfnislagen einer Minderheit der deutschen Bevölkerung gedient hat und von hier aus zu einem oppositionellen Aggregat hat werden können, das auf die Herausbildung von Kultur und Selbstverständnis der Gesellschaft vor allem der Bundesrepublik, aber – in abgewandelter Form – auch der DDR hat Einfluss nehmen können. Schlüsselfunktionen des Jazz in so paradigmatischen Texten wie Wolfgang Borcherts „Das ist unser Manifest“, Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ oder Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ deuten diese oft übersehene, untergründig dafür umso wirksamere Virulenz des Jazz in einer genuin nachkriegsdeutschen Kulturgeschichte an. Besondere Bedeutung kommt dabei den zahlreichen Projektionen zu, die das nachkriegsdeutsche Publikum der verschiedenen Alterskohorten samt ihrer NS-kontaminierten Subjektgeschichten mit dem Jazz verband.
Geplant ist eine Buchveröffentlichung 2020/21.

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Topographie pluraler Kulturen Europas in Rücksicht auf die ‚Verschiebung Europas nach Osten’

im Rahmen der geisteswissenschaftlichen Förderinitiative des BMBF „Geisteswissenschaften im gesellschaftlichen Dialog“
Laufzeit: 2006 bis 2009
Antragstellung als Verbundpartner mit dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin – Konzeption des Teilprojekts „Berlin und der Osten“

Lessing und die jüdische Aufklärung / Lessing and the Jewish Enlightenment

Internationale wissenschaftliche Konferenz, RWTH Aachen University, 23. bis 25. Januar 2012

In Kooperation mit Professorin Monika Fick, RWTH Aachen University
Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung
Die Ergebnisse wurden im Lessing Yearbook XXXIX (Göttingen: Wallstein 2012) publiziert.

NS-Medizin und Öffentlichkeit – Formen der Aufarbeitung nach 1945

Internationale wissenschaftliche Konferenz, 7. bis 8. Juni 2013

In Kooperation mit Professor Dominik Groß, Institut für die Geschichte und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Die Ergebnisse liegen vor unter Stephan Braese, Dominik Groß (Hg.): NS-Medizin und Öffentlichkeit – Formen der Aufarbeitung nach 1945, Frankfurt/New York: Campus 2015.

Deutsch-französische Kulturbeziehungen 1945 bis 1960

Internationale wissenschaftliche Konferenz, 18. bis 20. September 2013

In Kooperation mit Dr. Ruth Vogel-Klein, Département Littérature et Langages der École Normale Supérieure Paris
Die Ergebnisse liegen vor unter Stephan Braese, Ruth Vogel-Klein: Zwischen Kahlschlag und Rive gauche – Deutsch-französische Kulturbeziehungen 1945-1960, Würzburg: Königshausen & Neumann 2015.

„Meine Sprache ist Deutsch“ – Deutsche Sprachkultur von Juden und die Geisteswissenschaften 1870 bis 1970

Internationale Konferenz am Zentrum für Literatur- und Kulturwissenschaften Berlin, 17. bis 19. Januar 2013

In Kooperation mit Dr. phil. habil. Daniel Weidner, Zentrum für Literatur- und Kulturwissenschaften Berlin
Bewilligt von der Axel Springer Stiftung
Die Ergebnisse liegen vor unter Stephan Braese, Daniel Weidner (Hg.): Meine Sprache ist Deutsch – Deutsche Sprachkultur von Juden und die Geisteswissenschaften 1870-1970, Berlin: Kadmos 2015.

Wolfgang Hildesheimer: Eine wissenschaftliche Biographie

Laufzeit: 2012 bis 2016
Das Werk liegt vor unter Stephan Braese: Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer. Eine Biographie, Göttingen: Wallstein 2016, ²2017.

Wolfgang Hildesheimer: Briefwechsel

Laufzeit: 2013 bis 2017
In Kooperation mit Olga Blank (RWTH Aachen) und Prof. Dr. Thomas Wild, Bard College, NY (USA)
Gefördert durch Dr. Kurt Groenewold, Hamburg
Das Werk liegt vor als Wolfgang Hildesheimer: „Alles andere steht in meinem Roman“ – Zwölf Briefwechsel. Herausgegeben von Stephan Braese gemeinsam mit Olga Blank und Thomas Wild, Berlin: Suhrkamp 2017.

 

Laufende Dissertationsprojekte

Heng Barone: ‚Auf-Bruch‘. Heimat aus der Perspektive deutschsprachiger interkultureller Gegenwartsliteratur

Nicht selten ist im (wissenschaftlichen) Heimatdiskurs die Rede von der Unübersetzbarkeit des Wortes ‚Heimat‘ oder zumindest von elementaren Übersetzungsschwierigkeiten, die dasselbe bereitet. Heimat und damit der ihr inhärente Bedeutungskomplex avanciert dergestalt zu einem hermetischen Konzept, dessen Exklusivität auf den deutschsprachigen Kulturraum begrenzt scheint. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Studie der Frage, wie Gegenwartsautoren und -autorinnen anderer kultureller Herkunft, die aber in deutscher Sprache literarische Texte verfassen und publizieren, narrativ Heimat inszenieren.
• Gefördert durch die Heinrich-Böll-Stiftung

Vera Heinen: Leerstellen und Negationen als Schreibkonzept. Der Ort der Negation in den Werken von Hans Günther Adler, Jorge Semprún und Primo Levi

Zentrales Anliegen des Promotionsvorhabens ist es, anhand der impliziten Leerstellen und Negationen in den ausgewählten Texten von Hans Günther Adler, Jorge Semprún und Primo Levi die Schreibkonzepte der drei Überlebenden offenzulegen. Das rezeptionsästhetische Leerstellenkonzept von Wolfgang Iser bildet hierbei in modifizierter Form die literaturtheoretische Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Das Dissertationsprojekt reflektiert die subtilen Strategien der Dekonstruktion bei Hans Günther Adler, Jorge Semprún und Primo Levi und thematisiert daher überwiegend das Un-Erinnerte, das Un-Gesagte und das Un-Identifizierte in den Werken.

Gerald Manstetten: Erzählen von Katastrophen. Die Verarbeitung von Genoziden in der deutschsprachigen Literatur

Im Zentrum des Dissertationsprojektes steht die Frage, inwieweit sich in der deutschsprachigen Genozidliteratur wiederkehrende Narrative und Motive finden lassen. Anknüpfend an die literarische Aufarbeitung der Shoah werden deutschsprachige Texte über den kolonialen Völkermord an den Herero und Nama, den Völkermord an den Armeniern, die genozidalen Massaker im Jugoslawienkrieg und den Völkermord in Ruanda in die Analyse einbezogen.
Ausgangspunkt bilden die beiden ersten deutschen Romane, die sich kritisch mit Genoziden jenseits der Shoah auseinandersetzen: Uwe Timms „Morenga“ (1978) und Edgar Hilsenraths „Märchen vom letzten Gedanken“ (1989).
• Gefördert durch die RWTH-Graduiertenförderung