Tagung „Spaziergang“

Der Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturgeschichte (Prof. Dr. Axel Gellhaus) der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und das Germanistische Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universtität Bonn (Prof. Dr. Helmut J. Schneider und PD Dr. Christian Moser) veranstalten vom 30. Juni bis 2. Juli 2005 auf der Museumsinsel Hombroich eine Tagung zum Thema:

Landschaftsgänge - Bewußtseinslandschaften: Zur Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs

Zum Thema und Konzept

"Wenn ich von meinen Reisen erzähle, geht mir's wie beim Reisen selbst; ich komme nie zum Ziel. Das Herz schlug mir vor Freude, da ich mich meiner teuren Mama näherte, und dennoch ging ich nicht schneller. Ich wandre gern nach meinem Gefallen (j'aime à marcher à mon aise) und mache halt, wenn es mir paßt. Ein Wanderleben (la vie ambulante) ist das, was ich brauche. Zu Fuß meinen Weg machen, bei schönem Wetter, in schöner Landschaft, ohne Eile, als Ziel meiner Reise vor mir etwas Angenehmes, diese Lebensweise ist am meisten von allen nach meinem Geschmack. Man weiß ja, was ich unter einer schönen Landschaft verstehe. Niemals erschien mir ebenes Land so, mochte es an sich noch so schön sein. Ich brauche Gießbäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, bergauf und bergab holpernde Wege, Abgründe neben mir, daß ich Angst bekomme."[1]

Das Zitat entstammt den Bekenntnissen von Jean-Jacques Rousseau. Es ist eine von vielen Äußerungen, in denen der Autobiograph seine Liebe zum Wandern artikuliert. Im vorliegenden Fall berichtet er, wie er als junger Mann nach seinem ersten Aufenthalt in der Metropole Paris die Heimreise nach Savoyen antrat, wo ihn seine mütterliche Freundin Madame de Warens erwartete. Die Reise gestaltete sich für ihn als ein einziger langer Spaziergang. Das Zitat beleuchtet nicht bloß die persönliche Vorliebe Rousseaus für eine bestimmte Form der Fortbewegung. Wie in einem Brennglas führt es vielmehr die wichtigsten Merkmale zusammen, die den Spaziergang als eine innovative kulturelle Praxis des 18. Jahrhunderts kennzeichnen. Die folgenden Aspekte lassen sich unterscheiden; sie dienen der geplanten Tagung als Orientierungspunkte:

1. Spaziergang als Verkehrsform und als kulturelle Praxis

Rousseaus Heimweg gewinnt nur deshalb das Ansehen eines Spaziergangs, weil er a) nicht notgedrungen, sondern aus freier Entscheidung zu Fuß reist; b) das Ziel seiner Reise einklammert. Rousseau hat zwar ein Ziel, aber er reist nicht, um dort möglichst schnell anzukommen. Der Spaziergang ist von äußerlich-pragmatischen Zwecksetzungen entlastet. Diese Entlastung erfolgt unter spezifischen historischen Voraussetzungen. Der Spaziergang kann sich erst in dem Moment als eigenständige kulturelle Praxis herausbilden, in dem alternative Fortbewegungsmittel größeren Bevölkerungsschichten zugänglich werden. Es ist kein Zufall, daß der Spaziergang genau in der Zeit seinen Aufschwung nimmt, in der weite Teile Westeuropas erstmals mit einem flächendeckenden Netz von schnellen Postkutschenverbindungen überzogen werden. Die Einführung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert befördert diese Entwicklung. Der Spaziergang steht, so paradox dies erscheinen mag, in einem engen Zusammenhang mit dem verkehrstechnologischen Fortschritt. Der Spaziergänger entscheidet sich bewußt für eine langsame Form der Fortbewegung, die ihn in direkten Kontakt mit der Natur bringt. Dem Spaziergang liegt somit ein kultur- und gesellschaftskritischer Impuls zugrunde, den allerdings eine auffällige Ambivalenz kennzeichnet. Einerseits enthält er ein progressives Moment. Das vom Spaziergänger vollzogene Hinaustreten ins Offene markiert einen symbolischen Akt: Er kehrt den bedrückenden Verhältnissen der alten feudalen Ordnung den Rücken zu und erfährt sich in der freien Natur als autonomes Subjekt, das auf seinen eigenen Füßen zu stehen vermag. In diesem Sinne empfindet der Spaziergänger Rousseau die Abreise aus Paris, der Hauptstadt des Ancien Régime, auch als politische Befreiung. Andererseits impliziert der Spaziergang aber auch ein regressives Moment: Die Landschaft, die der Spaziergänger durchwandert, stellt einen Gegenraum zur städtischen Zivilisation dar; sein Gang versteht sich als Absage an den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt. In diesem Sinne bedeutet Rousseaus langer Spaziergang eine Rückkehr zu den Ursprüngen, an den mütterlichen Busen der Natur, in den behütenden Schoß von "Maman". Es wäre zu untersuchen, wie diese ambivalente Konfiguration sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt und ob sie sich zu einer regelrechten "ideology of walking" (A.D. Wallace) verfestigt hat.

2. Sozialgeschichtliche Kodierung des Spaziergangs

Rousseau hebt hervor, daß er die Wanderung von Paris nach Chambéry ohne jegliche Begleitung unternommen habe. Er ist ein einsamer Spaziergänger. Die kulturelle Praxis des Spaziergangs steht im Zeichen der Intimität und des Privaten. Sie bildet somit einen Gegensatz zur höfischen Form der Promenade, die der aristokratischen Gesellschaft auf eigens dazu angelegten, öffentlich sichtbaren Wegen die Gelegenheit zur Selbstrepräsentation bieten soll. Die Promenade ist eine Bühne, auf der die "promeneurs" das Schauspiel ihres gesellschaftlichen Status zum besten geben. Der Spaziergänger dagegen versucht, sich den Blicken der anderen zu entziehen. Er will nicht in den Augen der anderen scheinen, sondern im Angesicht der Natur sein. Der Spaziergang soll authentische Erfahrungen ermöglichen. Die Anwesenheit Fremder wäre da nur hinderlich. Wenn der Spaziergänger seine Erlebnisse mit anderen teilt, dann nur mit Vertrauten, mit Freunden oder Familienangehörigen. Die kulturelle Praxis des Spaziergangs ist folglich mit bestimmten Formen von Geselligkeit verknüpft. Sie unterliegt zudem einer geschlechtsspezifischen Reglementierung. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bleibt der einsame Spaziergang den Männern vorbehalten. Frauen spazieren allenfalls in Begleitung, und auch dabei sind sie Einschränkungen unterworfen. Der Spaziergang wäre folglich als soziale Praxis in seiner Beziehung zur jeweils herrschenden Ideologie der Geschlechterrollen zu analysieren.

3. Spaziergang und Landschaft: Geschichte der Wahrnehmungsformen

Laut Rousseau übt die Ebene keinerlei Reiz auf den Spaziergänger aus. Er benötigt vielmehr Berge, Wälder, Felsen und Bäche. Es genügt also nicht, daß die Natur sich ihm als offen und frei darbietet, sie muß darüber hinaus eine bestimmte Gestalt aufweisen. Der Spaziergänger nimmt die Natur als Landschaft - und das heißt: ästhetisch - wahr. Die kulturelle Praxis des Spaziergangs ist an spezifische Typen von Landschaft und an bestimmte Formen der Landschaftswahrnehmung gekoppelt, die einem historischen Wandel unterliegen. Im 18. Jahrhundert etwa dominiert die Kategorie des Pittoresken. Der Blick des Spaziergängers ist an der Landschaftsmalerei geschult. Er sucht auf seinem Weg nach Aussichtspunkten, die ihm einen panoramatischen, aber zugleich auch 'gerahmten' Überblick erlauben. Die Kategorie des Pittoresken ist auch im 19. Jahrhundert noch von großer Bedeutung - sie bestimmt die Landschaftswahrnehmung, wie Wanderführer und touristische Handbücher sie kodifizieren. Doch wird sie zunehmend durch die Kategorie des Erhabenen verdrängt. In der romantischen Naturdichtung verfolgt der Wanderer nicht mehr das Ziel, eine statische Position des Überblicks zu erlangen. Vielmehr schildert er eine Folge sich verändernder, individuell getönter Ansichten, die als unvollständig und skizzenhaft markiert werden. An die Stelle der Schilderung von Landschaftsbildern tritt der Bericht über die dynamische, den Rahmen sprengende Interaktion zwischen dem Wanderer und der Natur. Es wäre also zu untersuchen, wie sich die kulturelle Praxis des Spaziergangs innerhalb der Geschichte der Wahrnehmungsformen situieren läßt.

4. Gehen und Schreiben: Poetik des Spaziergangs

Rousseau etabliert eine Analogie zwischen seiner Art zu reisen und seiner Art zu erzählen. Wie der Spaziergänger immer wieder von seinem Weg abschweift, um die Schönheiten der Natur zu betrachten, so unterbricht der Autobiograph seine lineare Erzählung, um sich an scheinbar Beiläufigem, an Anekdoten und Erinnerungen, zu ergötzen. Rousseau erhebt den Spaziergang zu einem Erzählmodell. Dieser Vergleich zwischen dem Spaziergang und einer spezifischen, digressiven Form des Erzählens ist in der europäischen Literatur nicht weniger verbreitet als die abstraktere Analogie zwischen Gehen und Schreiben oder Gehen und Lesen (Lektüre als 'Gang' durch den Text, der den 'Spuren' des Geschriebenen folgt). Sie wirft die allgemeinere Frage auf, ob zwischen der Praxis des Spaziergangs und bestimmten Schreibweisen eine systematische Beziehung besteht, ob es also so etwas wie eine Poetik (oder vielleicht gar verschiedene Poetiken) des Spaziergangs gibt. Den historischen Wurzeln dieser Analogie in der Rhetorik ("sermo pedestris") und in der peripatetischen Philosophie wäre ebenso nachzugehen wie den Affinitäten zwischen dem Gehen und spezifischen Textsorten (Essay, Prosagedicht) oder den im Zeichen des Ambulatorischen stehenden Konzepten eines 'körperlichen Schreibens'.

Das Rousseausche Modell wird vielfach in der europäischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts weitergeführt (vom romantischen Wanderer bis zum Flaneur des fin de siècle und seinen 'Passagen', den Stadtlandschaften). Balzac formuliert eine "Theorie de la démarche"[2], die eine Theorie des Gehens mit Reflexionen über die Methode der Beschreibung und den Schreibvorgang selbst verbindet. Valéry deutet den Zusammenhang von Schreiben und Gehen als Rhythmusphänomen.

Vereinzelte Studien belegen die Bedeutung des Themas auch für die Literatur der klassischen Moderne und des 20. Jahrhunderts, zu erinnern ist u.a. an Robert Walser, Franz Kafka, Thomas Bernhard, Peter Handke, Paul Nizon und Christoph Ransmayr.[3]

Bis heute fehlt aber eine systematische Aufarbeitung des Themenkomplexes, in dem sich wie dargestellt kulturgeschichtliche, poetologische und nicht zuletzt anthropologisch-kognitive Aspekte verbinden, da sich im Gehen die Erfahrung von Raum und Zeit ursprünglich vermittelt. Es ist deshalb kein Zufall, daß in den meisten Sprachen Gang-Metaphern (Schritt, Sprung, Vorgehensweise etc.) bei der Beschreibung von Denkprozessen und ihrer Fixierung eine große Rolle spielen - oder zumindest gespielt haben. Denn zunehmend werden diese Metaphern heute verdrängt durch solche der schnelleren Fortbewegungsarten: Fahren und Fliegen, und der beschleunigten Wahrnehmung entspricht das schnellere Medium, der Film.

Zu Anlage, Organisation und Ort der Tagung

Die Veranstalter erwarten von dem interdisziplinär angelegten Symposion Anregungen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den genannten unterschiedlichen Aspekten, die zugleich neue Fragestellungen eröffnen soll. Neben Literatur-, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlern werden auch Schriftsteller sowie ein Landschaftsarchitekt eingeladen.. Zur besseren Vorbereitung und Vorstrukturierung sollen Zusammenfassungen der Tagungsbeiträge (ca drei Seiten) sechs Wochen vorher an alle Teilnehmer verschickt werden. Geplant ist ein systematisch gegliederter Sammelband, zu dem weitere Beiträger eingeladen werden können

Mit dem Literaturbüro NRW in Düsseldorf ist eine gemeinsame Abendveranstaltung geplant, zu der Christoph Ransmayr seine Teilnahme bereits zugesagt hat.

Das Symposion wird auf der 'Museumsinsel Hombroich' bei Neuss/Düsseldorf stattfinden, die optimale Tagungsräume und Unterbringungsmöglichkeiten für Veranstalter und Vortragende sowie sehr preisgünstige Übernachtungsmöglichkeiten in drei umliegenden Klöstern für Tagungsteilnehmer bietet. Aufgrund ihrer Konzeption stellt die Museumsinsel den idealen Hintergrund für die Thematik der Tagung dar, denn auf einem Areal von 17 Hektar wird durch die intendierte Verbindung von Kunst und Natur sinnfällig vermittelt, wovon das Symposion handelt: Konstruktion und Rezeption von Landschaft und ihrer im Gehen/Sehen/Schreiben erschlossenen Ästhetik. In Hombroich hat der Landschaftsarchitekt Bernhard Korte Brachland mit hohem Aufwand in eine ursprüngliche Auenlandschaft des Flusses Erft zurückverwandelt. Die ehemals heimische Flora wurde rekultiviert und die neuen Bauwerke (Prof. Erwin Heerich) in die entstehende 'Landschaft' integriert. Die bestehende Anlage repräsentiert verschiedene Garten- und Landschaftsideen und verbindet sie miteinander: den englischen Landschaftsgarten, den hortus conclusus, das Labyrinth des Klostergartens sowie Gestaltungselemente japanischer und chinesischer Gärten.

Ganz nebenbei birgt diese Gartenlandschaft Ausstellungsgebäude, die eine der bedeutendsten Privatsammlungen des Landes NRW (Sammlung Karl Heinrich Müller) beherbergen, u. a. mit Landschaftsaquarellen von Cézanne und jener letzten Konsequenz von Landschaftsmalerei, als die man die Farbobjekte Gotthard Graubners ansehen kann.


[1] Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse. Übers. v. Alfred Semerau. München 1978, S. 172. (J.-J. Rousseau: Les Confessions. Édition publiée sous la direction de Bernard Gagnebin et Marcel Raymond. Paris 1959, S. 172.)

[2] Honoré de Balzac: Theorie de la démarche, Paris 1833.

[3] Um nur noch einige weitere Namen anzuführen, seien genannt: Peter Rosei, Entwurf zu einer Reise ohne Ziel, Salzburg 1975; Jürg Amann: Verirren. Oder: Das plötzliche Schweigen des Robert Walser, Frankfurt a. M. 1978; Werner Herzog, Vom Gehen im Eis, Frankfurt a. M. 1978; Thomas Rosenlöcher: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern, Frankfurt a. M. 1991.